Bambu Radio & Akustixxx – Konzertrückblick von Helga Steinacher

Bambu Radio & Akustixxx – DIE Percussion-Rock-Sensation in der Remise!
Von Helga Steinacher

Das ursprüngliche Eisenbahndepot in Amstetten, das seit einiger Zeit als Veranstaltungshotspot dient, ist mit Sicherheit einiges an pulsierenden Rhythmen gewohnt. Was sich allerdings am Samstag dem 9. März 2019 dort ereignete, kann man nur als high-highest potential percussion bezeichnen.
Die Rockband Akustixxx gab sich mit dem Ensemble Bambu Radio ein radikales Stelldichein:
Eine Spurensuche gemeinsamer rhythmischer Wurzeln. Nach einem kurzen gemeinsamen Starter zog es mit Bambu Radio zahlreichen BesucherInnen auf die Tanzfläche. Sie überließen sich voll und ganz dem Soundflow eines fein abgestimmten und ungemein diffizilen Mix aus afrikanischen und kubanischen Rhythmen. Benno Sterzer, einer der passioniertesten Kenner westafrikanischer Musik in Österreich und leidenschaftlicher Musikpädagoge, formulierte bereits zu Beginn mit seinem äußerst virtuosen Solo auf der Djembe das einzigartige Narrativ dieser hervorragenden Band. Als Bambu Radio bezeichnet man in Niger die Nachrichtenübermittlung mittels perkussiver oder vokaler Klänge über weite Entfernungen. Nahezu mühelos füllten die traditionellen afrikanischen Rhythmen eines einzigen Instruments den weiten Raum der Remise und nahm das Publikum auf eine außerordentliche Klangreise mit.
Noch wurde der afrikanische Kontinent musikalisch gefeiert und ihren wichtigsten Botschaftern, den Malinke, die Reverenz erwiesen. Mit der Unabhängigkeit Guineas von der französischen Kolonialmacht war man bestrebt, die großartige und eigenständige Kultur mit ihren außergewöhnlichen musikalischen Wurzeln in die Welt hinaus zu tragen. Dies beeinflusste maßgeblich europäische und amerikanische MusikerInnen ab den späten 60er Jahren bis heute, und so finden sich traditionelle westafrikanische Rhythmen in Sounds des Jazz, Soul, Funk und der Rockmusik, wie die Musiker der Band Akustixxx dann im zweiten Teil des Konzerts eindrucksvoll unter Beweis stellten.

Bambu Radio tauchte nun mit einem der besten Ethno-Perkussionisten des Landes, dem Komponisten und Klangabenteurer Georg Edlinger, tief in diese Verwurzelung ein. Leichthändig und äußerst präzise setzten Bambu Radio der Malinketradition ein solides Denkmal und starteten dann mit ihrem unübertroffenen Markenzeichen gründlich durch: Die stampfenden Rhythmen eines Kuku, Tansole oder Djolé wurden gleichsam klug zu einem völlig neuen zeitgenössisch höchst anspruchsvollen Arrangement verwoben. Hier zeigte sich, wie ausgeklügelt die Besetzung der Band funktioniert.
Mit dem Spitzendrummer Klaus Zalud verdichten sich die Sounds und geben den Stücken ein erhebliches Maß an Selbstermächtigung. Daraus generiert sich ein gänzlich neues Klangerlebnis mit einem unverwechselbaren Groove.
Die Systematik wird beibehalten: Ausgehend von einem traditionellen Klangmuster in Kombination mit eigenen Kompositionen und Arrangements schafft Bambu Radio permanent neue in sich verwebende, überlagernde, komplexe Sounds.

Sterzer, Edlinger und Zalud sind sich durchaus ihrer europäischen Wurzeln bewusst. Mit höchstem Respekt und durch langjährige Studien an den Herkunftsorten perfektioniert, wenden sie sich den afrikanischen, kubanischen oder karibischen Rhythmustraditionen mit feiner Sensibilität zu.
Jede Form von Aneignung oder Vereinnahmung ist ihnen fremd. Es wird nichts genommen, sondern gegeben. Am deutlichsten zeigt sich diese Haltung bei der außergewöhnlichen Sängerin und Perkussionistin Tanja Pichler. Sie gibt Bambu Radio mit ihrem metaphysisch-sphärischen Gesang eine unverwechselbare Stimme, ein Alleinstellungsmerkmal dieses grandiosen Ensembles.

Sterzer, Zalud, Edlinger und Pichler begegnen sich auf Augenhöhe, lassen sich aber den nötigen Raum für ihre jeweils persönlichen musikalischen Präferenzen. Georg Edlinger, einer der Masterminds dieses hochkarätigen Quartetts, begab sich mit seinem Solopart auf den Congas in eine völlig neue Dimension afrokubanischer Rhythmik-Interpretationen. Sein nahezu enzyklopädisches Wissen weltumspannender Rhythmen, gepaart mit einer ungemein hohen technischen Präzision als Perkussionist, gibt ihm das notwendige Rüstzeug, traditionelle Rhythmen völlig neu zu denken. Edlinger erweist den Congas seine Reverenz und Respekt. Er lässt ihnen den Stellenwert zukommen, den sie historisch betrachtet verdienen. Gerade die Congas sind stark mit der bedrückenden Geschichte des Menschenhandels Westafrikas verbunden, die in der Diaspora zu neuen instrumentalen Bauweisen geführt hatte und den Menschen Raum gab, Sehnsuchtsorten musikalisch zu begegnen.
Der folgende Track basierte auf Kpanlogo, Ewe und Kpacha. Festrhythmen, die hauptsächlich von ethnischen Gruppen in Ghana und Nigeria stammen.
Edlinger komponierte daraus ein neues feinjustiertes klangliches Meisterwerk und widmete es seinen ersten afrikanischen Freunden, die er in den 1980er in Amstetten kennen gelernt hatte.
Das macht den Bambu Radio Sound zum emotionalen Ereignis: Raffiniert werden ethno-perkussive Klänge, denen tiefe persönliche Begegnungen zu Grunde liegen, zu neuen Stücken verwoben.

Alle vier sind hervorragende Multiinstrumentalisten, die bestens aufeinander abgestimmt, das Publikum vom ersten bis zum letzten Ton vollkommen in den
Bann ziehen. Benno Sterzer zeigte dies eindrucksvoll mit seinem meisterhaft feintönigen Spiel eines Liedes aus Burkina Faso auf einer File: Eine pentatonische Hirtenflöte, ursprünglich aus Bambus gebaut. Das Modell, das Sterzer spielte, war von seinem Lehrer Soungalo Coulibaly, dem berühmten Flötisten der Musikgruppe Farafina, die unter anderem auch mit den Rolling Stones zusammen gearbeitet haben, aus einem einfachen Kunststoffrohr gebaut worden.

Bambu Radio schöpfte zum Ende des Konzerts seine Stärken nochmals voll aus, als afrokubanische Rhythmen aus der Tradition der Yoruba, die während der Kolonialzeit als Sklaven nach Kuba verbracht worden waren, mit Electronics aufgeladen, die Remise restlos zum Kochen brachten. Ein gänzlich neuer transzendenter, doch charakteristischer Bambu Radio Sound wurde hier mit Conga Santiago, Merengue, Guiro und Rumba Iyesa geschaffen.
Dieses abschließende Stück nannte sich Osain, benannt nach einer Orisha-Gottheit, Träger des geheimen Wissens über die Pflanzen, in der synkretistischen Religion der Santaria bei den Yoruba. Fast ist man verleitet, auch dem großartigen Ensemble von Bambu Radio besondere Kräfte zuzuschreiben. Entführen sie doch ihr Publikum mit ihren fulminanten Auftritten stets mit Achtsamkeit in andere Kulturen und konfrontieren es einfühlsam mit hervorragend arrangierten eklektischen Sound-und Klangerlebnissen.

Das anschließende mitreißende Konzert der Akustixxx mit den fantastischen Gitarristen Josie Gilits und Mario Puncec wie dem Schlagzeuger Hermann Fink, der mit seiner markanten Stimme dem Publikum so richtig einheizte, war eine großartige Reverenz an die legendären Bands der Rockszene der 60er, 70er und 80er Jahre. Auch sie schöpften aus zahlreichen afrokubanischen musikalischen Wurzeln. Die pulsierenden Clave- und Tumbaorhythmen nahm das Publikum gerne auf, das bis spät in die Nacht hinein zu den bekannten Rocknummern, bestens von Akustixxx interpretiert, tanzte.

Es war eine hervorragende Veranstaltung, ausgezeichnet organisiert und ein einzigartiges musikalisch-kulturelles Highlight in der Remise Amstetten.

Text: Helga Steinacher, Kulturvermittlung. 2019

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.